Montag, 16. Februar 1998, Seite 8 |
Wien Heast, des is a Wahnsinn mit die deppatn Leit da. I siech überhaupt nix. Wird er scho obelassn? Nimm 30 Kilo ab, und hau s bei deine Zentimeter dazua, dann siechst es söba! Wenn die Donau wirklich blau ist, dann sei auch das Wiener Herz ein goldenes. Und wenn zehntausend Wiener zusammenkommen, dann geht es eben nicht nur herzig zu, sondern schon auch rauh.
Das Spektakel des Todes nährt sich aus der Geringschätzung des Lebens. Denn nur wer nicht mehr ist, ist auch kein Gfrast mehr. Die schlechte Nachred kann hierzulande immer nur ein Lebender haben. Falco, die abgehobene, so unendlich erfolgreiche und deshalb angefeindete Kunstfigur, mußte sterben, damit die hier versammelte Nachwelt nun den Menschen Hansi Hölzel verklärend lieben kann.
Wir befinden uns auf dem Zentralfriedhof. Dieser dient heute bei all dem Wirbel keinesfalls als letzte Ruhestatt. Abgesehen von einer trauernden Familie und den Falco Nahestehenden dient er heute einer Gemeinde von Schaulustigen als Bühne, vor der zu einer schönen Leich über die Lebenden hergezogen wird. Und das kann der Wiener wie ein Weltmeister: Da kummt der [wahlweise einfügbar, Anm.] Zilk, Jürgens, Lauda, Häupl! Na servas, der hat a scho besser ausgschaut!
Bei einem Begräbnis geht es also nicht nur darum, den Toten zu betrauern. Es geht neben dem menschlichen Grundbedürfnis des Gemma schaun darum, sich seines eigenen Daseins zu versichern. Als während der Trauerfeier zum tragischen Ableben des Falco neben Helden von heute seine in den nächsten Tagen erscheinende, hier heftig beklatschte Single Out Of The Dark über den Platz schallt, wird eines klar. Der darin auftauchende, von den Trauerrednern Helmut Zilk und Rudi Dolezal auch ausgiebigst bemühte Satz Muß ich denn sterben, um zu leben?, er stimmt so nicht.
Dieses unfreiwillige musikalische Vermächtnis erfüllt eine ganz andere Funktion. Falco, der österreichische James Dean, den man nur mit Mozart und Schubert vergleichen kann und dessen Vater zumindest Helmut Zilk gerne gewesen wäre, mußte sterben, damit wir wissen, daß wir leben: Drahts des Bandl lauter, wir hearn ja nix! Eben. Nur, daß wir im Endeffekt nur ich bedeuten kann.
Der Wiener Autor Christian Ide Hintze zitiert in seiner Grabrede den von Hansi Hölzel so geschätzten Dadaisten Walter Serner: Jeder hat die moralische Pflicht, auszusterben. Danach fährt Falco zu Its All Over Now, Baby Blue in die Grube, weil: Was vorbei is, is vorbei. Der Tod gehört den Toten. Das Leben den Lebenden. No, jetzt hätt ma des a. Wos is, gemma nu auf a Krügerl? Auch das Vergessen will gelernt sein. (schach)
© 1998 DER STANDARD